Wie viel Bewegung brauchen (Klein)Kinder? + Expertenmeinung

Wie ist das denn bei Euch so?

Während mein fast 9 Monate altes Krabbelbaby ständig unterwegs ist und es nicht lange „ruhig“ sitzend im Kinderwagen aushält, ist meine fast 3 jährige am liebsten auf dem Buggyboard und vermeidet jede unnötige Bewegung. Zumindest auf dem Weg vom Kindergarten nach Hause. Dafür entdeckt sie dann kurz vor dem Schlafengehen ihre Bewegungsfreude und kann gar nicht genug bekommen und tanzt und hüpft sich munter ins Bett.

Aus Interesse an der Frage, wie viel Bewegung Kleinkinder aber „eigentlich bräuchten“, habe ich mir eine Expertin an Board geholt: Claudia Mayrbrugger (Ausbildungsleiterin & KinderfitnesstrainerIn bei PFA Österreich), die zu der Thematik eine ganz klare Meinung hat. Wie ihr gleich nachlesen könnt.

Liebe Claudia, ich gehe davon aus, dass sich alle Kinder von Natur aus gerne bewegen, oder etwa nicht?

Kinder haben von Natur aus einen Bewegungsdrang. Dieser wird leider durch das Umfeld (oder Krankheit – dies ist aber etwas anderes) gebremst! Mit Umfeld meine ich:

– Bewegungsverhalten der Eltern und der näheren Familie / Freunde (soziale Schicht ist zB. ein großes  Thema)
– Wohnort und -art: Größe der Wohnung: Wie viel Spiel- und Bewegungsbereich stehen zur Verfügung? bzw. gibt es auch einen Stadt-Land-Unterschied was die Bewegungsfreiheit betrifft
– Gibt es Garten, Spielplatz, Wiese, Wald oder sonstigen Freibereich?
– Besucht das Kind einen Kindergarten, Schule, Sportverein oder Ähnliches?
 
Glaubst Du, dass sich (Klein)kinder in der heutigen Zeit genug bewegen? 

Nein! Sehr schwierig ist da vor allem der Schulbesuch der Kinder und der Hortbesuch am Nachmittag in Bezug auf Bewegung! Das Sitzverhalten ist einfach zu lang! (In der Volksschule teilweise 8 Stunden pro Tag!)

Auch im Kindergarten werden aufgrund der meiner Meinung nach viel zu hohen Kinderzahl die Bewegungseinheiten und Outdooraktivitäten verkürzt. In einer Kindergartengruppe bei 25 Kindern ist der Betreuungsschlüssel: 1 Pädagogin und 1 Assistentin! Ich denke, da versteht es sich von selbst dass sportliche Aktivitäten zu kurz kommen, denn das ist auch eine Frage der Aufsichtspflicht. Niemand möchte, dass sich ein Kind verletzt!

Zuhause wird leider sehr oft auf TV, Handy und Spielkonsole als Beschäftigung zurückgegriffen. Oft arbeiten beide Elternteile viel, sodass die Bewegung auch oft zu kurz kommt, da die Kids in einer Gruppe betreut werden. Wenn sie dann heimkommen, fehlt die Zeit für ein Mehr an Bewegung.

Ist es vielleicht so, dass Kinder schon im Kindergarten und in der Schule zum „Still sitzen“ und „Nicht laufen“ erzogen werden?

Hm. Laut einer Studie aus dem Jahr 2006 in Österreich elfjährige Schülerinnen und Schüler im Durchschnitt noch 4,6 Tage in der Woche für je 60 Minuten bewegen, kommen die 15-Jährigen auf durchschnittlich 3,5 Tage pro Woche. Nur zum Nachdenken! 

Bewegung fördert die Bildung von Nervenzellen im Gehirn: Kinder, die sich regelmäßig bewegen, können sich besser konzentrieren als Bewegungsmuffel.

Bewegung stärkt die Muskulatur, Herz-Kreislauf-System, Immunsystem, Lunge und Knochen. Daher empfehlen Expertinnen und Experten für Kinder und Jugendliche täglich mindestens 60 Minuten Bewegung. Dabei trainieren sie automatisch durch einen Mix aus verschiedenen Bewegungsformen Geschicklichkeit, Koordination, Kraft und Ausdauer. Die Bewegung und das Spiel im Freien ist natürlich das Beste, was man Kindern bieten kann. Noch dazu kann sich die Kreativität entwickeln, wenn Kinder sich frei entfalten dürfen.

Ab einem gewissen Alter können die körperlichen Fähigkeiten durch das Erlernen von Sportarten wie Schwimmen, Fußball, Tennis, Klettern, Laufen, Tanzen oder Radfahren noch weiter ausgebaut werden. Dabei sollte Bewegung vor allem Spaß machen.

Wie könnte in Kindergärten/Schulen Bewegungsförderung stattfinden?

Die tägliche Turn- und Bewegungsstunde sollte nicht nur öffentlich beworben, sondern auch durchgeführt werden. Dies findet leider derzeit in den wenigsten Schulen statt. Gründe dafür sind zu wenige Lehrer und Trainer bzw. oft nur 1 Turnsaal pro Schule. Da wird die Organisation ab 4 Klassen bei 5 Unterrichtsstunden ein wenig schwierig.

Und wie findet Bewegungsförderung in Kindergärten/Schulen bereits statt?

In Kindergärten wird natürlich Bewegung angeboten, aber wie schon erwähnt ist es etwas schwierig aufgrund der hohen Kinderanzahl!

Oft haben gerade im städtischen Bereich die Kindergärten keinen Turnsaal oder Bewegungsraum. Dann fällt dieses Angebot oft komplett aus leider.
In der Schule sind derzeit in der 1. Klasse Volksschule 2 Sportstunden / Woche im Lehrplan – viel zu wenig, finde ich.
 
Wie können Eltern die Bewegungsfreude ihrer Kinder fördern?

Eltern können einfach Vorbilder sein, indem sie zB:

– Stufen steigen, statt Lift oder Rolltreppe zu fahren
– Wege zu Fuß, mit dem Roller oder mit dem Fahrrad bewältigen
– Am Spielplatz nicht auf der Bank sitzen, sondern sich mit den Kids aktiv bewegen und spielen
– sich und die Kinder im Sportverein anmelden
– „bewegte“ Kindertreffen organisieren
 
Faule Kinder vs. Zappelphilipp: gibt es ein Geheimrezept für solche „Problemfälle“?
Meiner Meinung nach gibt es keine bewegungsfaulen Kinder, sondern „nur“ faule Phasen, die jedes Kind durchmachen darf und auch soll. Bewegung sollte im Familienalltag „normal“ eingebaut werden und kein extra Thema sein – vergleichsweise wie das Zähne putzen. Das macht man einfach! Für meine Jungs zB. ist es klar, dass wir mit dem Fahrrad in den Kiga fahren. Es gefällt ihnen auch nicht jeden Tag, aber wir tun es.
 
Der Zugang bzw. die Intensität und das Interesse kann natürlich ganz unterschiedlich sein: Ob Fußball oder Yoga – beides ganz unterschiedliche Bewegungsabläufe, aber beides ist Bewegung. Wenn man ein Kind im Interessenbereich fördern kann, bewegt es sich auch gerne. 
 
Und zum Zappelphilipp: Mit den Kindern, mit denen ich gearbeitet habe, hat sich das Verhalten durch regelmäßige Bewegung und Routine im Tagesablauf stark verbessert. Wenn Eltern, Betreuungsperson und wenn möglich noch ein Trainer zusammenarbeiten kann man hier großartige Erfolge erzielen! 

 

Und wie steht ihr zu dem Thema, liebe LeserInnen?

Bildrechte: Pixelio

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5 Kommentare

  1. Da wir selbst einen großen Bewegungsdrang haben, werden unsere Kinder wohl nicht drumrumkommen. Mir ist das sehr wichtig. Die Generation unserer Eltern hat da noch nicht so viel drauf geachtet… andererseits waren wir Kinder auch sehr viel alleine draußen rumstromern. Sehr schade, dass sich das so geändert hat. Ich bin gespannt, wie wir uns verhalten werden,wenn es soweit ist und die Kiddies theoretisch allein rauskönnen. Wie siehst du das?

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    • Ich sehe das ähnlich und bin auch gerne viel draußen und „bewegt“. Auch wenn es mit dem Krabbelbaby im Winter eher schwierig ist. Was ich allerdings ein wenig bedenklich finde ist die „angeleitete“ Bewegung in Turn- und Tanzkursen für ganz kleine Kinder. Kindern in der Großstadt bleibt aber oft keine andere Option. Ich genieße es selbst, dass wir am Stadtrand leben und den Wald gleich nebenan haben. Da macht das „Rausgehen“ und sich bewegen gleich doppelt Spaß.

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  2. Ich finde es sehr wichtig, dass sich meine Kinder bewegen. Aus dem Grund dürfen meine Mäuse auch alle Sportarten ausprobieren, die sie interessieren. Was mir aber besonders wichtig ist, sind ihre Schwimmkünste. Wir leben in Seenähe und dementsprechend oft gehen wir baden. Mittlerweile werden sie aber auch immer öfter zu Freunden zum Schwimmen eingeladen. Da habe ich einfach ein besseres Gefühl, wenn ich weiß, dass sie auch längere Strecken sicher schwimmen können.
    Liebe Grüße, Simone

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