Komforttrage vs. Tragetuch – das ist hier die Frage

Wie hätte es auch anders sein können? Aus der mittlerweile 3 Monate alten Babyschwester ist ein leidenschaftliches Tragebaby geworden. Auch wenn mittlerweile der Kinderwagen gut bei ihr ankommt…

Für kurze Wege, langweilige U-Bahn-Fahrten oder das Einschlafen in lauter Umgebung aber ist mir bzw. der Kleinen das Tragen eindeutig lieber. Auch zuhause hat das Tragen für Haushaltstätigkeiten bzw. für Spielplatzbesuche mit der großen Schwester einen eindeutigen Vorteil: Auch in wachem Zustand ist das Babylein überall live dabei und ich habe dabei die Hände frei. Yeah.

Womit ich mein Baby trage?

An Tragetücher habe ich mich sowohl beim ersten als auch jetzt beim zweiten Baby nie herangewagt. Stattdessen habe ich mir für die ersten Wochen nach der Geburt eine „No name“-Mei Tai (Mei Tai ist im Grunde nur eine traditionelle Tragehilfe aus Asien) besorgt, die zwar ein wenig schwieriger anzuziehen ist, die im sommerlichen Alltag aber wesentlich kühler und leichter war als meine „eingetragene“ Ergobaby Carrier-Trage samt Neugeboreneneinsatz. Der ist bei den Temperaturen dieses Sommers fast zu heiß gewesen und auch nicht besonders bequem. Nach Besuch der Trageberaterin Astrid von sichergebunden.at und deren Tipp, den Steg mit einem Tuch zu verkleinern, verwende ich die Ergobaby mit abgebundenem Steg aber wieder gerne. Außerdem darf ich nach Anfrage bei buzzidil deren geniale Babytrage testen. Im Gegensatz zur Ergobaby ist die viel weicher um die Hüfte und lässt sich dank unterschiedlicher Befestigungsmöglichkeiten der Schulterträger wunderbar an die Größe von Babys von 0-18 Monaten anpassen. Nach einigen Trageversuchen ist die buzzdil mein rücken- und hüftschonender Tragefavorit, auch wenn ich mir beim Anschnallen der Ergobaby noch etwas leichter tue. Irgendwie rutschen die Gurte da besser…

Aber noch ein paar Worte zur Trageberatung

Ich hätte es zwar beim ersten Kind nicht für nötig gefunden, habe mir aber bei Baby Nr. 2 eine Trageberatung geleistet und dabei zum einen verschiedenste Tragen ausprobiert – die kokadi Flip wäre übrigens meine erste Wahl gewesen – und einige hilfreiche Kniffs und Tricks mitbekommen (wie zB. den Steg bei der Ergobaby abzubinden, damit sie auch für Neugeborene geeignet ist).

Um Euch bei der Auswahl und Entscheidung auf der Suche nach dem passenden Tragesystem zu unterstützen, habe ich der Trageberaterin Christina Curelli (http://tragend-begleitet.at) einige Fragen gestellt:

  • Was sind Vor- und Nachteile eines Tragetuchs bzw. einer „Komforttrage“?

Aus meiner Beratungserfahrung wünschen sich viele Eltern beim Thema Tragen im Vorfeld eine „schnell anzulegende, möglichst vorbindbare, unkomplizierte“ Lösung. Welche das am Ende für die Familie wird, denn die Möglichkeiten am Markt sind heutzutage gigantisch, ist zweitrangig – in erster Linie bietet Tragen die für Babys so wichtige Nähe und Geborgenheit, unterstützt die Bindung und erleichtert den familiären Alltag dank freier Hände und uneingeschränkter Mobilität.

Ein Tragetuch hat in meinen Augen den Vorteil der Flexibilität und Günstigkeit. Gebraucht lassen sich mit wenig Geld schon tolle, stabile Tücher finden, welche von Geburt an bis zum Ende der Tragezeit nützbar sind. Mit etwas Bindeerfahrung kann mit einem Tuch auf Bauch, Hüfte und Rücken getragen werden, es kann täglich die Optik durch neue, auch dem jeweiligen Alter besser entsprechenden, Bindeweisen oder „Finishs“ variiert werden. Gleichzeitig kann auf individuelle „Problemzonen“ des Trägers aber auch Traglings eingegangen werden, um optimal zu entlasten und zu stützen.

Gerade ein Tuch mit 4,5 Metern aufwärts wirkt zu Beginn bei frischgebackenen Eltern jedoch schnell abschreckend und aufwendig. Vorbinden erscheint vielleicht auf den ersten Blick als praktisch, birgt aber ein hohes Risiko zu locker zu binden, wodurch es beim Träger zu Schmerzen und beim Baby zu einem Zusammensacken im Tuch kommen kann.

Viele Eltern greifen daher im ersten Impuls bevorzugt zu einer Tragehilfe, da ihnen diese alltagstauglicher erscheint. Die Klassiker an Tragehilfenmarken wie Ergobaby oder Manduca kennen die meisten aus Babyfachgeschäften und Babywerbung. Daneben existieren jedoch noch Dutzende andere kleinere Hersteller am Markt, welche ihre Tragehilfen vorrangig online oder über explizite „Trageshops“ oder vereinzelt auch Trageberaterinnen vertreiben. Jede Trage hat Vor- und Nachteile, bei der einen ist es vielleicht die Stoffwahl, bei der nächste die Konstruktion, oder vielleicht die Verstellbarkeit, etc. Zum Glück haben auch die bekannten, großen Hersteller ihre Produkte in letzter Zeit so weit überarbeitet, dass als „Gruseltragen“ titulierte Modelle heute kaum noch außerhalb des Second Hand Bereichs am Markt zu finden sind.

Woran erkenne ich jetzt aber als Laie angesichts des Riesenangebotes am Markt ein gutes Tragehilfen-Produkt? Als Kriterien gelten grob folgende Punkte:

  1. Die Tragehilfe unterstützt die entwicklungsgerechte Haltung des Kindes (Rundung der Wirbelsäule, Anhock-Spreiz-Haltung).
  2. Der Rückenteil ist aus festem „Tragetuchstoff“ und stützt das Kind straff und stabil (auch seitlich) wie eine zweite Haut.
  3. Stufenlos verstellbarer Steg (Anmerkung: Gewichtsangaben bei Herstellern sind vorrangig bei Haftungsansprüchen relevant, sagen jedoch nichts darüber aus, wie breit der Steg und damit verbunden die Passdauer der Tragehilfe ist. Kleidergrößenangaben stellen hier einen verlässlicheren Richtwert dar)
  4. Bis mindestens Sitzalter werden die Träger bei Fullbuckles im Hüftgurt, ab Sitzalter im Rückenpaneel befestigt.
  5. Die Kopfstütze lässt sich anpassen und der Kopf wird gut gestützt.
  6. Die Tragehilfe ist Träger und Tragling bequem. Der Träger kann die Tragehilfe gut bedienen.
  7. Die Tragehilfe enthält keine Schadstoffe im Gewebe.

Optimal wäre selbstverständlich, wenn all diese Punkte erfüllt werden, jedoch ohne Dogmatismus: Grundvoraussetzung ist am Ende, dass die gewählte(n) Tragemöglichkeit(en) zur Familie passt/passen muss!  Nicht jede Tragehilfe passt staturbedingt zu jedem. Sich hier auf Tipps von FreundInnen, Verkäuferinnen im Babyfachmarkt oder Tests zu verlassen kann rasch in teuren Fehlkäufen enden, da jeder Träger eine Tragehilfe subjektiv als anders empfindet.

Tragehilfen haben stegbedingt zudem ein „Ablaufdatum“. Etwa um Kleidergr. 80/86 (1-1,5 Jahre ca.) müsste bei den meisten Tragesystemen von einer Babysize auf eine Toddlersize gewechselt werden. Auch sind hochwertige Tragehilfen, selbst am Gebrauchtmarkt, nicht unbedingt günstig.

  • Welche Tragehilfe empfiehlst  Du bei Neugeborenen bzw. bei größeren Kindern?

Ich möchte bewusst keine Empfehlung abgeben, weil wie gesagt jede Familie ihre individuelle Wahl treffen muss, und es unter den Tragehilfen einfach keine „eierlegende Wollmilchsau“ gibt. Für Neugeborene empfehle ich persönlich ein Tuch bzw. Ring Sling oder eine Trage zum Binden, wie zB. eine Mei Tai/Wrapcon oder einen Halfbuckle (Tragehilfe mit Hüftgurt zum Knoten oder mit Schnalle bzw. Trägern zum Binden).

In der Beratung erlebe ich auch oft, dass Eltern eine Fullbuckle (Trage mit Schnalle an Hüftgurt und Trägern) bei sehr kleinen Babys oftmals als zu wuchtig empfinden und hier nach einem Probieren beider Systeme fast immer zu einer sich besser ans Baby anschmiegenderen Lösung mit bindbaren Schulterträgern greifen. Aber ich möchte nochmals betonen: Auch ein Fullbuckle ist eine legitime Wahl für ein kleines Baby! Wichtig ist, dass Eltern und Kind sich wohlfühlen!

Was mir persönlich bei mir, aber auch in der Beratung auffiel, ist, dass sich mit der Zeit die Trägerbedürfnisse ändern. Während im ersten Lebensjahr oft Varianten zum Binden beliebter sind, kommt ab dem 2. Lebensjahr durch das höhere Gewicht des Traglings und auch den aktiveren Lebensstil der Familie im Outdoorbereich verstärkt der Wunsch nach einer besser gepolsterten Trage auf, wie es in der Regel ein Fullbuckle bietet. Manche Eltern fangen auch mit großem Kind erst das Tuchbinden an, weil sie die Entlastung als feiner empfinden. Kurzum: Es bleibt auch hier sehr subjektiv!

  • Sind Tragetücher für jeden geeignet?

Theoretisch ja. Praktisch bedarf es aber Übung. Beim ersten Binden mit kleinem Baby kannst du schnell einmal das Gefühl haben, die knapp 5 Meter Stoff nie zu entwirren, aber meist läuft es nach zwei, dreimal binden, spätestens nach einer Woche regelmäßig üben, völlig automatisiert ab. Hier kann ich nur raten: Hab Geduld mit dir selber und gib nicht sofort auf!

Willst du gerne im Tuch tragen, kommst aber mit der Stofffülle wirklich nicht zurecht, könnte beispielsweise auch eine Wrapcon als Kombination von Tuch und Tragehilfe etwas für dich sein.

  • Gibt es eine Komforttrage die Du besonders empfehlen kannst? Wenn ja warum?

Ich kann aus oben genannten Gründen nur sagen, womit wir in unserer Familie privat im Moment gerne tragen: Ich bin in erster Linie ein Tragetuchfan, aber wenn ich oder mein Mann zur Tragehilfe für eines unserer Kinder (2 Monate und 2,5 Jahre) greifen, sind Limas, Didytai, Wrapidil, MySol, Fräulein Hübsch, Ruckeli, Nekoslings Carrier und ISARA V3 gern in Benützung.

Aber in 2,5 Jahren Tragezeit haben wir aber, allein durch meine Tätigkeit als Trageberaterin, vieles am Markt auch bewusst durchprobiert, und tun dies immer noch! Jede Tragehilfe hat einfach ihre Berechtigung!

  • Warum ist eine Trageberatung sinnvoll?

Wie bereits am Anfang erwähnt, bieten Babyfachgeschäfte nur die Spitze des Eisberges an Tragehilfe-Möglichkeiten. In einer Trageberatung besteht die Möglichkeit hier aus dem Vollen zu schöpfen. Sollte eine Trageberatung finanziell gerade nicht drinnen sein, so können Tragehilfen auch über Testpakete mancher Trageshops, oder lokal hie und da vorhandenen Tragehilfencafés getestet werden. Vielleicht habt ihr auch im Freundeskreis erfahrene Trageeltern, welche euch etwas leihen können.

Bei der Wahl der TrageberaterIn empfiehlt es sich darauf zu achten, dass diese die Ausbildung bei einer Trageschule absolviert hat. So könnt ihr darauf vertrauen, dass euer Gegenüber eine fachlich fundierte Qualifikation zum Thema hat. Auch ein Blick in das Sortiment der Trageberaterin im Vorfeld macht Sinn: Hat sie die Tragehilfen, die euch interessieren (über interne Netzwerke können wir TBs auf Anfrage auch von Kollegen bei Bedarf fehlende Marken ausleihen)? Oder hat sie prinzipiell viel Auswahl? So könnt ihr sehr sicher sein, auch etwas zu finden, was zu euch passt!

Auf alle Fälle erspart ihr euch durch ein Anprobieren im Vorfeld (mit Kind bevorzugt!) potenziell viel Ärger und viele teure Fehlkäufe, die durch Blindkäufe passieren können.

Auch bei Tuchbindeweisen kann manchmal ein geschultes Auge, welches erste Bindeversuche begleitet und gezielt Tipps gibt, die man auf Youtube-Videos nicht unbedingt sieht, dabei helfen, Unsicherheiten abzubauen, Handgriffe zu festigen und bei Problemen („Mein Kind will nicht ins Tuch“, Schmerzen etc.) eventuelle Ursachen zu entlarven und Technik oder Bindeweisen zu optimieren.

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An dieser Stelle: Liebe Christina, vielen Dank für diesen wertvollen Input.

Und womit tragt Ihr Eure Babys am liebsten?

Bildrechte: tragend-begleitet.at

In Kooperation mit buzzidil

 

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2 Kommentare

  1. […] Da die kleine Babyschwester tagsüber zuhause kaum bzw. nur sehr unruhig schläft, fahre oder schlendere ich mit dem Tragebaby fast täglich durch die Gegend und erfreue mich daran, neue Ecken und Plätze zu entdecken. Getragen wird die Kleine derzeit v.a. in der buzzidil Babytrage – vielen Dank nochmals fürs Testen. Mehr Infos zu dieser Trage und dem Thema „Tragen“ generell findet Ihr übrigens hier.  […]

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  2. […] 4. Die Babytrage: Was täte ich ohne sie? Ich verwende abwechselnd die Ergobaby Carrier und eine buzzidil und kann mir den Alltag ohne nicht vorstellen. Für kurze, schnelle Wege, am Spielplatz, beim Kochen, beim Basteln und Spielen mit der Großen… eigentlich finde ich die Trage immer praktisch und habe bisher auch noch keine großartigen Rückenprobleme durch das Tragen bekommen. Manchmal „nervt“ es mich zwar, dass die Kleine fast nur in der Trage schläft, da sie das eben gewöhnt ist, aber meist finde ich es immer noch wunderschön, sie so nah bei mir zu haben und an vielen aufregenden Dingen so nah teilhaben zu lassen. Außerdem ist es so praktisch, beide Arme freizuhaben. Davon profitiert auch die Große. Mehr zum Thema „Tragen“ findet Ihr übrigens hier. […]

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